Warum mögen wir unsympathische Romanfiguren?
Es gibt eine Merkwürdigkeit, die mir in der Literatur schon lange auffällt.
Im wirklichen Leben versuchen wir, unangenehmen Menschen aus dem Weg zu gehen. Selbstverliebten Schwätzern, notorischen Lügnern, Neidern, Feiglingen und all jenen, die immer ganz genau wissen, wie andere Menschen zu leben haben.
Doch kaum taucht ein solcher Mensch in einem Buch auf, sind wir bereit, mehrere Hundert Seiten mit ihm zu verbringen.
Manchmal wird er sogar zu unserer Lieblingsfigur.
Nehmen wir Ostap Bender. Ein Hochstapler, ein Manipulator, ein Mann mit höchst zweifelhaften moralischen Grundsätzen. Eine Begegnung mit ihm im wirklichen Leben würde vermutlich mit einer leichteren Brieftasche und einem unangenehmen Gespräch mit der Verwandtschaft enden.
In der Literatur hingegen verfolgen wir seine Abenteuer mit Vergnügen.
Oder Raskolnikow. Ein Mann begeht einen Mord und verbringt anschließend mehrere Hundert Seiten damit, sich mit Fragen zu quälen, die er sich besser etwas früher gestellt hätte.